Kamphaeng Phet Reiseführer

Giacomettis in Thailand – der Stuck der Buddha-Statuen ist in Jahrhunderten verwittert und die Lateritskelette ragen in den Himmel. Vor Jahren lag ein Buddha-Haupt am Boden, gefallen wie viele Königreiche. Erinnert man sich an die markanten Khmer-Buddhas, hat in der Sukhothai-Periode der Thaikunst eine Revolution stattgefunden.

Es ist eigenartig: Manche Städte Thailands werden von Touristen kaum frequentiert. Sie liegen verkehrsgünstig, ihre kulturellen Schätze werden liebevoll gehegt und dennoch werden sie fast nur von einheimischen Besuchern bevorzugt.

So führt Kamphaeng Phet einen touristi schen Dornröschenschlaf am Ping-Fluß, ca. 80 km südwestlich von Sukhothai und nur einen Steinwurf abseits der Hauptroute Bangkok-Chiang Mai. Unbegreifbar und ganz zu Unrecht, denn diese Unterhauptstadt des Sukhothai-Reiches kann mit den Highlights wie Si SatchanalaiPhitsanulok oder gar Sukhothai selbst konkurrieren.

Lage und Bezeichnungen der verschiedenen Stadtteile, der Befestigungsanlagen und sakralen Bauwerke sind zunächst unübersichtlich und kompliziert, weil Reiseführer sich nicht einigen können. Älteren Thailandführern von Achille Clarac oder den Apas Guides verzeiht man, aber wenn neue wie Baedeker Reisende umherirren lassen, ist das Schlamperei. Richten wir uns nach dem Faltblatt der archäologischen Abteilung des „Fine Arts Department“, entwirren das Geflecht und mutmaßen ein wenig.

Die Stadt ist mindestens 750 Jahre alt, aber die Frühgeschichte ist ungeklärt. Auf dem riesigen Ausgrabungsgelände von 2047 Rai (ca. 385 ha) lassen die Ruinen den Glanz einer der blühensten Städte des Sukhothai-Reiches erahnen, geben aber nicht alle Geheimnisse preis. Wahrscheinlich ist König Jaisiri etwa um 1188 dem Ansturm der Mon auf seine Hauptstadt Jaiprakarn, dem heutigen Fang, wegen militärischer Unterlegenheit ausgewichen und hat eine Vorgängerin von Kamphaeng Phet gegründet.

Die Broschüre stützt sich auf die Chronik „Tamnan Singhonawatkuman“ und verlegt die Flucht auf das Jahr 1004. Aber da muß sich der Druckteufel eingeschlichen haben, denn nach anderen Unterlagen intensivierte Jaisiri zwischen 1200 und 1205 seine Beziehungen zur südchinesischen Song-Dynastie und verlegte sich auf einen lukrativen Karawanenhandel.

Man kann die Niederlassung nicht lokalisieren und Stadtgräben und Wälle auf der Nakhon Chum-Seite bei Traitrung zeitlich nicht fixieren. Auch die Chronik Chinakalmalipakorn verweist auf eine Besiedlung vor 1257 mit dem Namen Ban Khon. Das könnte sich als Ort südlich von Thep Nakhon mit der Bezeichnung Khonti an der östlichen Seite des Ping herausstellen.

Mit Sicherheit wurde Kamphaeng Phet während der Sukhothai-Periode am Westufer des Flusse im 13. und 14. Jh. gebaut und König Li Thai hat in Nakhon Chum 1357 einen Buddha-Tempel errichtet. Dieser König kümmerte sich ohnehin mehr um religiöse als um politische Angelegenheiten. Er verfaßte ein Standardwerk über die buddhistische Kosmologie mit den „Geschichten von den drei Welten“, beschäftigte sich mit Astronomie und erneuerte den Kalender der Thais. 1361 zog er sich in ein Kloster zurück und erhielt nach seinem Tode 1370 den religiösen Titel Tammaraja, der „Fromme König“.

Unter dem starken Einfluß des Buddhismus aus Sri Lanka war er in seinem Glaubenseifer dem Ansturm der von Rama Tibodi gegründeten, besonders aktiven Dynastie von Ayutthaya nicht gewachsen.

Sein Sohn und Nachfolger Tammaraja II. regierte bereits als Statthalter des ehemaligen VasallenKönig Li Thai wird neben dem Ausbau von Nakhon Chum am westlichen, rechten Ufer des Ping Kamphaeng Phet auch am Ostufer neu begründet haben, denn beide Stadtteile waren Garnisonen von Sukhothai. Der östliche Teil hieß während der Ayutthaya-Periode Chakangrao.

Die ständigen Kämpfe in den folgenden Jahrzehnten zwischen Khmer, Thais und Burmesen waren totale Kriege. Nicht nur Städte und Reiche wurden ausgeplündert, niedergebrannt und vernichtet, ganze Völkerschaften wurden entführt und in entlegene Gebiete ausgesiedelt. Kamphaeng Phet spielte als stark befestigter Vorposten zum Lanna Thai-Königreich – Land der Millionen Reisfelder – von Chiang Mai und zu Burma eine wichtige Rolle. Erstaunlich, was trotz Zerstörung, Raub und Plünderung noch erhalten ist!

Eilige Besucher werden die Ruinen von Nakhon Chum vernachlässigen, aber im ummauerten Bezirk von Chakangrao das Fluidum einer Epoche aufnehmen wollen. Vom Wat Phra That mit den abstrakten Laterit-Torsos sind es nur Schritte bis zum Wat Phra Keo:

Zwischen Ruinen und Bäumen legen drei Buddhas Zeugnis ab von einer Revolution des Ausdrucks, denn nach den politischen Siegen der Thais entsteht mit einer neuen Gesellschaft eine andere Kunst. Wie ihre Architektur den Stein aufgibt zugunsten der mit Stuck verputzten Backsteine, führen veränderte Materialien in der noch eigenschöpferischen Statuenkunst Sukhothais zu abgeklärten und heiteren Formen.

Die lokale Ausprägung in Kamphaeng Phet ist gleichzeitig weich in der Modellierung und hart durch scharfkantige Details. Sie gehört – wie Helmut Uhlig sagt – „zu dem ersten Mischstil Südostasiens, der aus indischenceylonesischenchinesischen und von den Mon und Khmer geprägten heimischen Elementen eine der großen Spätleistungen südostasiatischer Kultur ist“. Und tatsächlich: Es ist gar nicht so abwegig, wenn man empfindet, ein Hauch von Olympia durchwehe den Hain.

Nach einem Blick in das kleine, aber mit Meisterwerken aller Kunstepochen ausgestattete Museum, wird man nordwestlich der Festungen aus massiven, einst mit Laterit – daher Diamant-Mauer – bedeckten, ca. sechs Meter hohen Erdwällen dem äußeren Historical Park zustreben. Auch hier erlebt man den Kontrast zwischen verwitterten Lateri-Buddhas und vollendeter Sukhothai-Kunst.

Im Wat Pa Meud hat der Steinmetz mit sparsamsten Mitteln das herbe Antlitz des Buddha geformt. Seine verhaltene Kraft und Spannung rückt das Bildwerk in die Nähe archaischer griechischer Skulpturen. Der unversehrte, stehende Kolossalbuddha im zentralen, rechteckigen Sanktuarium des Wat Phra Si Iriyabot ist eine Meisterleistung der Epoche. Das Wat erhielt seinen Namen – si=vier, iriyabot=Haltung – nach den vormals in liegender, sitzender, schreitender und stehender Körperhaltung dargestellten Buddhas.

Im Wat Chang Rob kann man vielleicht am besten die Arbeit der Maurer, Steinmetze und Stukkateure nachempfinden. Der quadratische Unterbau des ehemaligen Chedi ist recht gut erhalten. Aus dem Sockel ragen 68 Elefanten-Vorderkörper aus Laterit hervor, die einmal lebensnah von Stuck überzogen waren. Die etwa 1½ m hohen Tiere wirken wie Karyatiden antiker griechischer Tempel, aber ihre Kunstform stammt aus Sri Lanka. Zwischen ihnen zieren hier und da Tafeln aus Stuck mit Dämonen und Bodhi-Bäumen das Mauerwerk.

Vier symmetrisch angeordnete steile Treppen führen zum Oberbau; vom glockenförmigen Chedi ist nur noch die untere Umrandung mit Resten einer Stuckausschmückung zu sehen.

Treffend sagt Achille Clarac: „Auf der einen Seite des Chedis sind noch zwölf dieser Elefanten in gutem Zustand erhalten. Ihre untersetzten, aber edlen und elegant dekorierten Gestalten versteifen die massige Lateritbasis, in die sie eingefügt sind, und lockern sie zugleich auf. Die hierdurch erzeugte Wirkung erinnert an die Traditionen der Khmer-Kunst, doch kommt eine Nuance von größerer Geschmeidigkeit hinzu.“

Rainer Pollmeier

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